Ein Tag im Anlageausschuss
von Josef Obergantschnig
Heute tausche ich die Bühne gegen einen Besprechungstisch. Ich sitze im Anlageausschuss eines institutionellen Kunden, also in jenem Gremium, das die Veranlagung eines Vermögens steuert, das nicht den Mitgliedern selbst gehört. Die Verantwortung ist entsprechend: Am Ende stehen Menschen, die sich darauf verlassen, dass ihre Ansprüche in zehn oder zwanzig Jahren noch gedeckt sind.
Die Stimmung bei den Asset-Managern war diesmal gut, und das ist auch nachvollziehbar. Das Jahr ist für die Veranlagung erfreulich gelaufen. Dazu kommt eine Entwicklung, die man nicht unterschätzen sollte: Es gibt wieder Zinsen. Und das erleichtert vieles. Über Jahre hinweg hat der als sicher geltende Teil eines Portfolios kaum etwas zum Ergebnis beigetragen. Wer Rendite brauchte, musste mehr Risiko nehmen. Heute liefern Anleihen wieder einen laufenden Ertrag, und damit verschiebt sich die Rechnung für jedes Gremium, das Erträge erwirtschaften und gleichzeitig Risiken begrenzen muss.
Auch der Ausblick fiel weitgehend positiv aus. Ein Argument dafür liefert der politische Kalender. Am 3. November haben in den USA die Zwischenwahlen stattgefunden, die sogenannten Midterms. Seit 1950 lag der S&P 500 zwölf Monate nach einer solchen Wahl jedes Mal im Plus, im Durchschnitt um 16,6 %. Das sind 19 von 19 Fällen. Eine bemerkenswerte Statistik, aber eben eine Statistik und kein Naturgesetz. Eine Stichprobe von 19 Beobachtungen ist überschaubar, und die Börse hat schon öfter Muster gebrochen, die über Jahrzehnte gehalten haben. Der gefährlichste Satz an der Börse bleibt „Diesmal ist alles anders“, und er gilt in beide Richtungen.
Was mich an solchen Sitzungen immer wieder beschäftigt, ist ein anderer Punkt. Die größten Fehler werden in guten und nicht in schlechten Zeiten gemacht. Und da heißt es vor allem, bewusst Risiken einzugehen, aber den Bogen auch nicht zu überspannen. Die Zukunft kann niemand vorhersehen, und es kommt meistens anders, als man denkt. Ein gutes Jahr ist deshalb der beste Zeitpunkt, um die eigene Strategie zu überprüfen. Passt die Aufteilung des Vermögens noch zu den Verpflichtungen, die in den kommenden Jahren anstehen? Ist festgelegt, wer bei einem Rückschlag was entscheidet und nach welchen Regeln? Solange die Märkte steigen, lassen sich diese Fragen sachlich und ohne Zeitdruck klären. Mitten in einer Korrektur ist das deutlich schwieriger, weil dann Emotionen mit am Tisch sitzen.
Für mich zeigt sich gute Veranlagung genau daran: Man bereitet sich auf das schwierige Jahr vor, solange das gute noch läuft. Ein Portfolio für Sonne und Sturm.