Zwei Drittel kommen nicht vom Öl
von Josef Obergantschnig
In der Debatte um einen österreichischen Staatsfonds fällt ein Satz verlässlich: „Norwegen hat Öl, wir nicht.“ Ich habe nachgesehen, was Norwegens Fonds selbst dazu veröffentlicht. Alle Zahlen beziehen sich auf den 30.06.2026, den Stichtag des Halbjahresberichts von Norges Bank Investment Management (NBIM), umgerechnet zum EZB-Referenzkurs desselben Tages von 11,3105 Kronen je Euro.
Woher das Vermögen stammt
Der Fonds steht bei 22.683 Mrd. Kronen, rund 2.006 Mrd. Euro. Je Einwohnerin und Einwohner sind das bei 5.636.904 Menschen rund 356.000 Euro. NBIM zerlegt das Vermögen selbst:
| Bestandteil | Mrd. Euro | Anteil |
|---|---|---|
| Kumulierte Anlagerendite seit 1998 | rund 1.345 | 67,1 % |
| Kumulierte Nettozuflüsse aus Öl und Gas | rund 487 | 24,3 % |
| Währungseffekt | rund 174 | 8,7 % |
| Summe | rund 2.006 | 100,0 % |
Gut zwei Drittel hat der Kapitalmarkt erwirtschaftet, rund ein Viertel das Öl. Rechnet man den Währungseffekt zur Veranlagung, sind es drei Viertel. Damit verliert der Einwand „Norwegen hat Öl, wir nicht“ seine Grundlage, belegt mit Norwegens eigenen Zahlen.
Warum aus dem Auftrag die Aktienquote folgt
Dieser Zusammenhang wird bei uns meist übersprungen, dabei ist er der Kern der Konstruktion. Der Auftrag lautet, die Kaufkraft des Vermögens über Generationen zu erhalten und gleichzeitig laufend Geld an das Budget abzugeben.
- Die Entnahme: Die Regel wurde 2001 bei rund 4 % eingeführt und im Februar 2017 auf 3 % gesenkt. Beide Werte orientieren sich an der langfristig erwarteten realen Rendite. Wer nicht mehr entnimmt, als das Vermögen real erwirtschaftet, erhält die Kaufkraft.
- Die Veranlagung: Dauerhaft 3 % real schafft ein Anleihenportfolio nicht. Die Aktienquote von 72,1 % ist deshalb keine Frage der Risikofreude, sie ist die rechnerische Folge des Auftrags.
- Der Beleg: Von 1998 bis 2025 lag die reale Nettorendite bei 4,3 % pro Jahr, nominal bei 6,86 % im Währungskorb. Im ersten Halbjahr 2026 kamen 9,4 % dazu, 1.753 Mrd. Kronen, in Kronen gerechnet das stärkste Halbjahresergebnis seiner Geschichte.
- Die Praxis: Bezugsgröße der Entnahme ist immer das Vermögen zu Jahresbeginn, nicht der laufende Ertrag. 2026 entnimmt Norwegen 579 Mrd. Kronen, rund 51 Mrd. Euro oder 2,7 %. Damit finanziert der Fonds mehr als jede vierte Krone im Staatshaushalt.
| Anlageklasse, 30.06.2026 | Anteil | Rendite 1. Halbjahr 2026 |
|---|---|---|
| Aktien, ausschließlich außerhalb Norwegens | 72,1 % | 13,0 % |
| Anleihen | 25,8 % | 0,9 % |
| Nicht börsennotierte Immobilien | 1,6 % | 3,0 % |
| Nicht börsennotierte erneuerbare Infrastruktur | 0,5 % | -0,2 % |
97,9 % liegen in börsennotierten, liquiden Titeln. Im eigenen Land investiert der Fonds nichts, Standortpolitik bleibt draußen. Er arbeitet weitgehend indexnah und kostengünstig.
Der Preis
Verlustjahre sind in dieser Konstruktion eingepreist. 2008 verlor der Fonds 23,4 %, 2018 6,1 %, 2022 14,1 %. Über die Gesamtperiode stehen trotzdem 6,86 % pro Jahr. Norwegen hält solche Jahre durch drei Merkmale aus: Die Entnahme bemisst sich am Vermögen zu Jahresbeginn und verstärkt den Abschwung nicht. Die Regel gilt als Richtwert über den ganzen Konjunkturzyklus. Und der Horizont ist über Generationen definiert.
Warum Norwegen und nicht Yale
Das Yale-Endowment verfolgt dasselbe Ziel und geht einen völlig anderen Weg, mit rund 76 % in alternativen, illiquiden Private-Markets-Anlagen. Für einen österreichischen Staatsfonds ist der norwegische Weg aus drei Gründen der bessere:
- Größe: Große Tickets verwässern den Zugang zu den kleineren Managern, die im Private-Equity-Bereich tatsächlich Überrenditen erzielen.
- Liquidität: Regelmäßige Entnahmen vertragen sich schlecht mit Anlagen, die man nicht rasch verkaufen kann.
- Bewertung und Governance: Indexnahe Portfolios haben täglich einen Marktpreis. Bei illiquiden Beständen entsteht Spielraum bei der Bewertung. Wie schnell ein staatlicher Topf ohne strikte Regeln zweckentfremdet wird, hat Irland mit seinem National Pensions Reserve Fund gezeigt.
Was 700 Mio. Euro im Jahr bewirken würden
Im Raum stehen 700 Mio. Euro jährlich. Angenommen ist die Einzahlung jeweils zum Jahresende und ein konstanter Zinssatz. Euribor und Bundesanleihe mit Stand 28.08.2026, der norwegische Wert ist der Durchschnitt seit 1998 laut NBIM.
Nominal, in Mrd. Euro
| Veranlagung | 10 J | 20 J | 30 J | 40 J | 50 J | 60 J |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Eingezahlt | 7,0 | 14,0 | 21,0 | 28,0 | 35,0 | 42,0 |
| 3-Monats-Euribor (2,573 %) | 7,9 | 18,0 | 31,1 | 48,0 | 69,7 | 97,7 |
| Bundesanleihe 10 Jahre (3,490 %) | 8,2 | 19,8 | 36,1 | 59,0 | 91,4 | 137,0 |
| Norwegischer Staatsfonds (6,860 %) | 9,6 | 28,3 | 64,5 | 134,8 | 271,3 | 536,4 |
In heutiger Kaufkraft, bei 2,0 % Inflation, in Mrd. Euro
| Veranlagung | 10 J | 20 J | 30 J | 40 J | 50 J | 60 J |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Eingezahlt | 5,7 | 9,4 | 11,6 | 12,7 | 13,0 | 12,8 |
| 3-Monats-Euribor | 6,5 | 12,1 | 17,2 | 21,7 | 25,9 | 29,8 |
| Bundesanleihe 10 Jahre | 6,7 | 13,3 | 19,9 | 26,7 | 34,0 | 41,8 |
| Norwegischer Staatsfonds | 7,9 | 19,0 | 35,6 | 61,0 | 100,8 | 163,5 |
Ein Start 2027 erreicht die 30 Jahre im Jahr 2056 und die 60 Jahre im Jahr 2086. Ein Kind, das heute zur Welt kommt, stünde dann kurz vor der Pension.
| Zeitpunkt | Fondswert nominal | Entnahme 3 % nominal | in heutiger Kaufkraft |
|---|---|---|---|
| 2036, nach 10 Jahren | 9,6 Mrd. Euro | 0,29 Mrd. Euro | 0,24 Mrd. Euro |
| 2046, nach 20 Jahren | 28,3 Mrd. Euro | 0,85 Mrd. Euro | 0,57 Mrd. Euro |
| 2056, nach 30 Jahren | 64,5 Mrd. Euro | 1,93 Mrd. Euro | 1,07 Mrd. Euro |
| 2066, nach 40 Jahren | 134,8 Mrd. Euro | 4,04 Mrd. Euro | 1,83 Mrd. Euro |
| 2076, nach 50 Jahren | 271,3 Mrd. Euro | 8,14 Mrd. Euro | 3,02 Mrd. Euro |
| 2086, nach 60 Jahren | 536,4 Mrd. Euro | 16,09 Mrd. Euro | 4,90 Mrd. Euro |
Zum Vergleich: Der Bundesbeitrag zur gesetzlichen Pensionsversicherung liegt 2026 bei 18,0 Mrd. Euro, ohne Beamtenpensionen. In den ersten zehn Jahren unterscheidet sich so ein Fonds kaum von einer Bundesanleihe. Der Ertrag fällt nicht bei denen an, die ihn beschließen, sondern bei deren Enkelkindern. Das ist die Stärke des Modells und zugleich sein politisches Problem.
Was den Vorschlag von Norwegen unterscheidet
- Herkunft: Norwegen tauscht endliche Bodenschätze gegen Finanzvermögen. Der Vorschlag bei uns setzt auf Dividenden aus Staatsbeteiligungen, und die schwanken mit der Konjunktur.
- Volumen: Norwegen flossen über die Zeit netto rund 2.830 Euro je Einwohner und Jahr zu. 700 Mio. Euro entsprechen bei uns rund 76 Euro je Einwohner und Jahr.
- Regelwerk: Norwegens Fonds finanziert das Budget nach einer festen Regel, die verankert war, bevor der Fonds gewachsen ist.
Was Österreich übernehmen sollte
- Entnahmeregel vor dem ersten Euro, gesetzlich fixiert auf Basis des Vermögens zu Jahresbeginn.
- Speisung unabhängig von der Konjunktur, eine feste Quote statt schwankender Dividenden.
- Veranlagung ausschließlich im Ausland, als Schutz vor Industriepolitik.
- Liquidität und Transparenz, börsennotiert, kostengünstig, täglich bewertbar.
- Klare Trennung, das Mandat beim Gesetzgeber und beim Finanzministerium, die operative Verwaltung bei der Oesterreichischen Nationalbank.
Quellen: Norges Bank Investment Management, Halbjahresbericht 2026 und Renditehistorie · Norwegisches Finanzministerium · Europäische Zentralbank, Referenzkurs 30.06.2026 · Euribor und Bundesanleihe Stand 28.08.2026 · eigene Berechnung. Stand 31.08.2026.
Für Redaktionen
Kernaussage: Gut zwei Drittel des norwegischen Fondsvermögens hat der Kapitalmarkt erwirtschaftet, rund ein Viertel das Öl. Die Aktienquote von 72 % folgt aus dem Auftrag, Kaufkraft zu erhalten und trotzdem 3 % im Jahr zu entnehmen.
Zitierfähig (aus der Auswertung vom 31.08.2026):
- „Gut zwei Drittel des norwegischen Fondsvermögens hat der Kapitalmarkt erzeugt, rund ein Viertel das Öl. Diese Zerlegung veröffentlicht der Fonds selbst.“
- „Die Aktienquote von 72 % ist beim norwegischen Fonds keine Frage der Risikofreude. Der Auftrag lautet, die Kaufkraft über Generationen zu erhalten und trotzdem drei Prozent jährlich zu entnehmen. Wer das erfüllen will, kommt mit Anleihen allein nicht aus.“
- „Yale verfolgt dasselbe Ziel wie Norwegen und geht einen völlig anderen Weg über illiquide Private Markets. Für einen Staatsfonds, der laufend entnehmen muss und dessen Wert öffentlich überprüfbar sein soll, ist der norwegische Weg der weitaus belastbarere.“
- „In den ersten zehn Jahren unterscheidet sich so ein Fonds kaum von einer Bundesanleihe. Der Ertrag fällt nicht bei denen an, die ihn beschließen, sondern bei deren Enkelkindern. Das ist die Stärke des Modells und zugleich sein politisches Problem.“
Zahlen mit Quelle und Stichtag
- Fondsvermögen 30.06.2026: 22.683 Mrd. Kronen, rund 2.006 Mrd. Euro, 356.000 Euro je Einwohner (NBIM, EZB-Kurs 11,3105)
- Herkunft: 67,1 % Anlagerendite, 24,3 % Öl und Gas, 8,7 % Währung (NBIM, 30.06.2026)
- Aktienquote 72,1 %, reale Nettorendite 1998 bis 2025 4,3 % p. a., nominal 6,86 % (NBIM)
- Entnahme 2026: 579 Mrd. Kronen, rund 51 Mrd. Euro, 2,7 % (Finanzministerium Norwegen)
- 700 Mio. Euro jährlich bei 6,86 %: 64,5 Mrd. Euro nach 30 Jahren, 536,4 Mrd. Euro nach 60 Jahren nominal (eigene Berechnung)
Rückfragen: Dr. Josef Obergantschnig · office@obergantschnig.at · +43 664 2205642
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