Zittern an den Börsen: sechs Antworten zum KI-Ausverkauf
von Josef Obergantschnig
Am Donnerstag hat es an der Wall Street ordentlich gerumpelt. Der Nasdaq 100 verlor an einem einzigen Tag 6,36 %, so viel wie seit März 2020 nicht mehr. Chip- und Speicherwerte wie Micron, AMD oder Sandisk gaben zwischen 16 und 22 % nach. Die Kleine Zeitung hat mich gefragt, was da gerade passiert. Hier sind meine Antworten in der langen Fassung, mit den Zahlen, die dahinterstehen.
Korrektur oder Blase? Ich sehe eine heftige Korrektur in einem Bereich, der davor sehr gut gelaufen ist. Der Nasdaq Composite lag am Donnerstagabend 11,9 % unter seinem Rekord vom 6. Oktober. Ob es eine Blase war, erkennt man meistens erst im Rückspiegel. Der große Unterschied zum Jahr 2000: Die Technologiekonzerne verdienen heute viel Geld, und die Bewertung ist zwar nicht billig, aber weit von damals entfernt. Der S&P 500 kostete Ende September das 19-Fache der erwarteten Gewinne, im März 2000 war es das 25-Fache.

Warum gerade jetzt? Drei Dinge kommen zusammen. Nach dem Wahlsieg der Demokraten fürchten Anlegerinnen und Anleger strengere Regeln für KI und einen langsameren Bau von Rechenzentren. Einzelne Chiphersteller haben enttäuschende Ausblicke geliefert. Und es ist viel geliehenes Geld im Markt. Wer auf Kredit spekuliert, muss bei fallenden Kursen verkaufen, und dann drängen alle gleichzeitig durch eine enge Tür zum Ausgang. Worum es geht, zeigt ein Blick auf die Investitionen: Die fünf großen Cloudkonzerne geben heuer voraussichtlich rund 800 Mrd. Dollar aus, fast doppelt so viel wie 2025. Strengere Regeln für Rechenzentren treffen genau diese Ausgaben.

Kommt noch mehr? Kurzfristig kann das niemand seriös vorhersagen, ich auch nicht. Seit dem Jahr 2000 hat der Weltaktienmarkt fünfmal kräftig verloren. Nach dem Zollschock 2025 war der alte Höchststand nach vier Monaten wieder erreicht, nach der Finanzkrise erst nach gut fünf Jahren. Vorher wusste das niemand. Mit der Zeit wird das Bild aber klarer: Beim S&P 500 lag seit 1950 auch der schlechteste Zeitraum über 20 Jahre im Plus.
Und Europa? Ganz abkoppeln kann sich keine Börse. Am Freitag hat Europa nachgezogen, der DAX schloss 1,92 % tiefer. Ein Vorteil bleibt: In Europa stecken weniger große KI-Konzerne im Index, die Börse ist breiter aufgestellt. Ein Schutzschild ist das aber nicht.
Was jetzt zu tun ist? Ruhe bewahren und nicht aus dem Bauch heraus verkaufen. Wer eine Strategie hat, die zu seinem Leben passt, muss jetzt nichts tun. Geld, das man in naher Zukunft braucht, gehört ohnehin nicht in Aktien, das gilt für das private Vermögen genauso wie für die Liquidität im eigenen Unternehmen. Hin und Her kostet nämlich Geld: Bei US-Fonds und ETFs haben Anlegerinnen und Anleger in den zehn Jahren bis Ende 2024 im Schnitt 1,2 Prozentpunkte pro Jahr weniger verdient als ihre Fonds, weil sie zur falschen Zeit gekauft und verkauft haben.
Verstärken ETFs den Absturz? Ein ETF trifft keine Entscheidungen, er bildet einen Index ab. Ein Welt-ETF ist heute allerdings stark konzentriert: 72,8 % stecken in den USA, knapp 30 % im Technologiesektor und 26,6 % allein in den zehn größten Firmen. Dahinter stehen hohe Erwartungen. Für 2026 rechnen Analysten beim S&P 500 mit 31,6 % mehr Gewinn je Aktie, im Schnitt der Jahre 2001 bis 2025 waren es 7,6 %. Wer einen Welt-ETF besitzt, hat oft mehr KI im Depot, als ihm bewusst ist.


Breit streuen heißt deshalb auch: genau hinschauen, was wirklich im Index steckt. Die größten Fehler passieren übrigens selten im Crash, sondern davor, wenn alle euphorisch sind. Den Espresso trinke ich heute trotzdem in Ruhe.
🔻 Zum Interview im Pressebereich · zum Artikel in der Kleinen Zeitung
Quellen: J.P. Morgan Asset Management, Guide to the Markets US Q4 2026 und EMEA Q4 2026, Datenstand 30.09.2026 · MSCI, Index Factsheet MSCI World, 30.10.2026 · Morningstar, Mind the Gap US 2025 · Reuters, CNBC, Capp Notes 5.11.2026 · dpa-AFX 6.11.2026 · eigene Berechnung, MSCI World in Euro